40 Jahre Berufliches Gymnasium - BG

Chronik des Beruflichen Gymnasiums in Eschwege
aufgestellt anlässlich des 40-jährigen Bestehens im Jahr 2009

 

Geburtsstunde
Wenn man sich mit der Entstehung von Beruflichen Gymnasien im Allgemeinen beschäftigt, dann muss man zum besseren Verständnis auf das Geflecht von Faktoren eingehen, deren Interdependenz letztendlich auch Eschwege die Entstehung einer solchen Schulart verdankt.

 

Der stürmische wirtschaftliche Aufschwung in der Bundesrepublik Deutschland in den fünfziger und sechziger Jahren, der unser Land in kurzer Zeit zu einer hoch industrialisierten, stark exportorientierten Wirtschaftsmacht werden ließ, führte dazu, dass der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften stark anstieg und sich zunehmend Arbeitskräftemangel einstellte. Gleichzeitig aber eröffneten sich aus der wirtschaftlichen Prosperität und der damit verbundenen Erhöhung der Staatseinnahmen Möglichkeiten, soziale Ungleichheit zu verringern.

 

Wesentlicher Ansatzpunkt dieser letzten Überlegung war die umfassende Reform des Bildungssystems. Diesen Gedanken griffen insbesondere Georg Picht und Ralf Dahrendorf auf.

 

Picht kritisierte in seinem 1964 erschienenen Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe" die Tatsache, dass der Anteil an Abiturienten eines Jahrgangs in der Bundesrepublik Deutschland nur etwa 5% ausmache, in den anderen Industriestaaten zum Teil aber über 20% lag. Nach Picht aber „bezeichnet die Zahl der Abiturienten das geistige Potential eines Volkes, und von dem geistigen Potential sind in der modernen Welt die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft, die Höhe des Sozialproduktes und die politische Stellung abhängig".

 

Auch Dahrendorf verlangte in seinem 1965 erschienenen Buch „Bildung ist Bürgerrecht" eine Steigerung der Zahl der Abiturienten. Er zielte bei seinen Überlegungen darauf ab, mit Hilfe von bildungspolitischen Reformen den einzelnen Bürgern alle Möglichkeiten zu geben, die sie zur vollen Entfaltung ihrer Anlagen und Fähigkeiten bedürfen. Alle Schranken, insbesondere die sozial bedingten, die den Zugang zu den Einrichtungen der höheren Bildung behinderten, sollten beseitigt werden.

 

Diese kurz skizzierten Ansätze von Picht und Dahrendorf wurden von vielen Bildungspolitikern aufgegrif-fen und führten schließlich zu einer umfassenden Reform des Bildungswesens in der Bundesrepublik Deutschland, deren Folge u. a. auch die Entstehung neuer gymnasialer Oberstufen an Beruflichen Schulen war.

 

Hinzu kam, dass auch der klassische gymnasiale Bildungsbegriff und damit auch die traditionellen Inhalte in Frage gestellt wurden. Die bisherige Dominanz von Unterrichtsinhalten wurde zugunsten der Auffassung zurückgedrängt, dass im Oberstufenunterricht in erster Linie wissenschaftliche Verfahrensweisen erworben werden sollen. Seit Ende der sechziger Jahre standen Lernziele im Vordergrund der deutschen Didaktik.

 

Für die gymnasiale Oberstufe eröffnete sich die Möglichkeit, das durch die klassischen Bildungsinhalte weitgehend ausgegrenzte Feld der Wirtschaft mit seinen vielseitigen gesellschaftlichen Problemen zum Gegenstand gymnasialen Unterrichtens zu machen.

 

Außerdem spielte in den sechziger Jahren der Begriff der „Doppelqualifikation" in der pädagogischen Diskussion eine schon bedeutende Rolle. „Darunter verstand und versteht man heute noch die Hinführung junger Menschen zu qualifizierten Schulabschlüssen und gleichzeitig zu Qualifikationen auf dem Niveau beruflicher Grundbildung oder gar der beruflichen Ausbildung".

 

Die spezielle Geschichte des Beruflichen Gymnasiums in Eschwege muss aber auch vor dem Hintergrund der Situation der Beruflichen Schulen vor Ort und den Zielansprüchen der hiesigen Schulleitung gesehen werden.

 

Als der damalige Schulleiter, OStD Otto Bevern, am 1. April 1966 die Leitung der Beruflichen Schulen in Eschwege übernahm, fand er eine Schule vor, die ein wenig differenziertes Vollzeitangebot aufwies.

 

Neben einer Zweijährigen Handelsschule war nur noch eine Hauswirtschaftsschule vorhanden. Angetrieben durch seine Erfahrungen an der Kirchhainer Schule (dort war eine Zweijährige Berufsfachschule im gewerblichen Bereich eingerichtet worden), ging er von der Vorstellung aus, eine Ausweitung der Vollzeitschulformen an den Beruflichen Schulen in Eschwege anzustreben. Erste Überlegungen zielten im kaufmännischen Bereich auf die Errichtung einer einjährigen Höheren Handelsschule, einer Schulform, die damals einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert besaß.

 

1967 wurde aber der Plan ins Auge gefasst, eine Wirtschaftsoberschule einzurichten. In der Gesamtkonferenz vom 18.10.1967 wurde dem Kollegium diese Planungsabsicht unterbreitet.

 

Am 15.05.1968 kam es zu einer öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Gymnasien in Eschwege. Hier erhob die Schulleitung zum ersten Mal in der Öffentlichkeit den Anspruch auf Einrichtung eines gymnasialen Zweiges an den Beruflichen Schulen in Eschwege.

 

Der Plan des Regierungspräsidiums zielte darauf ab, entweder an den allgemein bildenden Gymnasien einen wirtschaftswissenschaftlichen Zweig einzurichten oder eine Wirtschaftsoberschule an den Beruflichen Schulen zu etablieren.

 

Am 19.01.1968 fand eine von StD Karl-Hermann Wiegler initiierten Veranstaltung statt, zu der neben den Mitgliedern des Außenstellenausschusses Eschwege der Industrie- und Handelskammer Kassel unter Vorsitz von Fabrikant Horst Woelm auch die Mitglieder des Arbeitskreises „Industrie" und „Junge Wirtschaft" eingeladen worden waren.

 

Hier ging OStD Bevern präziser auf die zu errichtende neue Schulform ein. In seinem Referat wies er darauf hin, dass das Wirtschaftsgymnasium (Wirtschaftsoberschule) eine dreijährige weiterführende Schule sei, die ihren besonderen Charakter dadurch erhalte, dass sie die wirtschaftlichen und sozialen Bil-dungsgüter in ihren Lehrplan aufgenommen habe, zugleich aber die Allgemeinbildung ergänze und vertiefe.

 

Das Wirtschaftsgymnasium wolle seine Schüler zu einer geistigen und sittlichen Reife führen, die es ihnen ermögliche, später gehobene Stellungen in der Wirtschaft (Führungskräfte) und Verwaltung (gehobene Beamten- und Offizierslaufbahn) einzunehmen oder ein wirtschafts- oder sozialwis-senschaftliches Studium zu ergreifen (Diplom-Kaufmann, Diplom-Volkswirt, Diplom-Handelslehrer, Haupt- und Realschullehrer).

 

Des Weiteren ging OStD Bevern darauf ein, dass diese Schulform das Schulsystem durchlässiger mache und so die Möglichkeit des Bildungsaufstiegs biete. Es sei somit insbesondere Realschülern und Han-delsschülern noch die Möglichkeit gegeben, über die Handelsschule (kaufmännische Berufsfachschule) und das Wirtschaftsgymnasium die Hochschulreife zu erwerben. Es seien damit also auch Chancen für die Kinder gegeben, die nach der Grundschule nicht zu einer weitergehenden Schule übergewechselt sind.

 

Alle Teilnehmer dieser Veranstaltung äußerten anschließend den Wunsch, dass auch Eschwege so schnell wie möglich ein Wirtschaftsgymnasium erhalten solle.

 

Am 24.02.1968 wird das Thema in einer Kreistagssitzung diskutiert. Von Seiten der Kreisverwaltung signalisierte Landrat Höhne in seiner Stellungnahme zur Schulsituation im Werra-Meißner-Kreis seine prinzipielle Bereitschaft, sich für ein Wirtschaftsgymnasium einzusetzen und wies darauf hin, dass man insbesondere wegen der Zonengrenzlage verpflichtet sei, sich der Bildungssituation besonders anzunehmen. Nur die Frage nach den Kosten sei für ihn noch ungeklärt.

 

Am 14.12.1968 fasst dann der Kreistag den einstimmigen Beschluss zur Errichtung eines Wirtschaftsgymnasiums an der Kreisberufs- und Berufsfachschule Eschwege ab 01.08.1969. Damit war die Voraussetzung für einen entsprechenden Antrag beim Hessischen Kultusminister gegeben. Dieser stimmte schließlich am 31.07.1969 dem Vorhaben zu.

Allerdings sollte zum besseren Verständnis des damaligen Entwicklungsstandes des Wirtschaftsgymnasi-ums in Eschwege noch einmal darauf hingewiesen werden, dass dieser schulische Bildungsgang nicht zur allgemeinen Hochschulreife führte, sondern nur eine fachgebundene und damit eingeschränkte Hochschulreife verlieh.


Startphase / erster Abiturjahrgang
Mit Beginn des Schuljahres 1969/70 nahmen 23 Schülerinnen und Schüler den Unterricht im Wirtschaftsgymnasium auf. Die neue Klasse erhielt als Klassenlehrer StD Karl-Hermann Wiegler. Alle Schülerinnen und Schüler in der Klasse 11 mussten ein vierwöchiges Praktikum absolvieren.

 

Ein wesentliches Hauptproblem der neu errichteten Schulform war die unzulängliche Lehrerversorgung. Für 1969 war beispielsweise kein einziger Gymnasiallehrer mit naturwissenschaftlicher Fakultas zugewiesen worden. Also musste die Schule in der ersten Zeit auf entsprechend ausgebildete Kräfte aus der freien Wirtschaft zurückgreifen.

 

Das erste Abitur fand unter Vorsitz von OStD Breitscheidel statt. Nach der mündlichen Prüfung am 19./20.06.1972 konnten folgende 19 Abiturienten das Abiturzeugnis entgegennehmen:

 

Jochen Burhenne, Margarete Fuchs, Hans Giller, Günter Gleim, Theo Groeber, Margit Hartung, Hubert Heinemann, Bärbel Hilbert, Andreas Huhn, Gerd Jacob, Roswitha Jung, Herbert Kliebisch, Jörg Koch, Rainer Kossowski, Gunhild Kühnemuth, Gerlinde Kurpiers, Monika Sattler, Jürgen Schade und Wolfgang Schäfer.

 

Auf die Bedeutung dieser Ausbildung möge stellvertretend Hans Giller, ehemaliger Kollege der Beruflichen Schulen in Eschwege und heutiger Bürgermeister der Gemeinde Meinhard, hinweisen. „Es ist für einen Großteil der Abiturienten wichtig gewesen, dass dieser Abschluss ihnen die Möglichkeit eines Hochschulstudiums eröffnet hat. Vor allem das Pädagogikstudium für allgemeinbildende Schulen fand unter den damaligen Abiturienten wohl viele Interessenten." Und über die Erfahrungen an der Hochschule sagt Hans Giller: „Im Fach Deutsch beispielsweise waren für uns während des Studiums nie Defizite im Vergleich zu unseren Kommilitonen feststellbar, eher wurde uns ein ausgesprochener „Realitätsbezug" nachgesagt, der oft mit unserer besonderen „Abiturart" in Verbindung gebracht wurde."


Steiler Erfolgskurs
Mit Beginn des neuen Schuljahres 1977/78 werden alle beruflichen Gymnasien in Hessen, beginnend mit der Jahrgangsstufe 11, auf die in der „Vereinbarung zur Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe II" der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder vom 7. Juli 1972 vorgesehene Organisationsform als Regelform umgestellt. Damit änderte sich auch der Name der Schulform. Das Wirtschaftsgymnasium in Eschwege hieß nun: Berufliches Gymnasium - Schwerpunkt Wirtschaft/Verwaltung und verlieh nach dem erfolgreichen Besuch die allgemeine Hochschulreife, die zum Studium aller wissenschaftlichen Disziplinen an allen Hochschulen in der Bundesrepublik berechtigt.

 

Es erfolgte eine weitere Differenzierung des Beruflichen Gymnasiums, was die Schwerpunkte angeht. Ab dem Schuljahr 1978/79 war es möglich, den Schwerpunkt Elektrotechnik zu wählen, ab dem Schuljahr 1982/83 kam auch Maschinenbau als möglicher Schwerpunkt hinzu. Danach wurde aus dem Schwerpunkt Elektrotechnik in Verbindung mit der Datenverarbeitung der neue Schwerpunkt Datenverarbeitungstechnik.

Die Akzeptanz des Beruflichen Gymnasiums lässt sich sicherlich am deutlichsten an der Entwicklung der Schülerzahlen ablesen.

 

 

Jahrgang Schüler insgesamt Abitur

1969/70

23

--

1970/71

47

--

1971/72

63

19

1972/73

60

19

1973/74

78

11

1974/75

85

14

1975/76

107

32

1976/77

99

27

1977/78

100

29

1978/79

90

22

1979/80

107

31

1980/81

109

25

1981/82

133

37

1982/83

136

33

1983/84

141

34

1984/85

172

52

1985/86

163

35

1986/87

188

60

1987/88

195

42

1988/89

217

17

1989/90

223

56

1990/91

245

84

1991/92

219

57

1992/93

198

41

1993/94

225

64

1994/95

230

70

1995/96

215

55

1996/97

240

74

1997/98

229

75

1998/99

198

61

1999/00

181

49

2000/01

204

44

2001/02

211

57

2002/03

249

54

2003/04

256

81

2004/05

240

65

2005/06

221

66

2006/07

208

65

2007/08

214

60

2008/09

219

49

2009/10

237

67

2010/11

217

???

 


Die hierin enthaltenen Schwankungen haben ganz unterschiedliche Ursachen. Festzuhalten ist, dass sich das BG gegenüber dem klassischen Weg zum Abitur, der gerade in Eschwege eine lange und feste Tradition hat, erfolgreich durchsetzen konnte.

 

Durch das BG wurde die Bildungslandschaft nachhaltig bereichert. Für das Jahr 2011 ist eine Erweiterung um den Schwerpunkt Gesundheit vorgesehen.

Wir setzen die Erfolgsgeschichte des BG Eschwege mit aller Kraft fort!


Manfred Zindel

 

 

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